"Das Geschäftsmodell der Werbeagenturen ist womöglich nicht mehr lange zeitgemäß", orakelt Bernd Röthlingshöfer. Den Anlass dazu geben zwei Beobachtungen:
- Google testet ein Auktionsmodell für Printwerbung, und Gerhard Schoolmann spielt die Konsequenzen durch, die Googles Markteintritt im Besonderen und Auktionsmodelle im Allgemeinen auf den klassischen Werbemarkt haben könnten. Seine Kernaussage:
Das traditionelle Geschäftsmodell der Werbeagenturen, die heutzutage von den Agenturprovisionen der Medien (meist 15%) leben, gerät unter Druck. Das Koppelgeschäft - wir entwerfen kostenlos Anzeigen und verdienen an der Agenturprovision - wird zerschlagen und die Agenturen werden sich auf das eine oder das andere spezialisieren. Die Anzeigenprovisionen fließen stattdessen in die Taschen von Google und Anbietern, die nachziehen werden.
Ähnliche Überlegungen hatten uns auf dem Fischmarkt zuletzt im Januar beschäftigt. Die Auswirkungen der Automatisierung treffen vor allem Werbeagenturen, die zugleich als Mediaagenturen arbeiten oder ihre Gewinne vor allem aus dem Mediageschäft ziehen. Je besser es einer Agentur gelingt, ihre Leistung direkt vom Werbekunden honorieren zu lassen und den Umweg über das Mediageschäft zu vermeiden, desto weniger Probleme. Transparenz gewinnt.
- Nun gibt es allerdings womöglich einen zweiten Trend namens Do it Yourself Advertising. Und der würde das Geschäftsmodell der Werbeagenturen sehr viel empfindlicher berühren als die Automatisierung. So glossiert der Werbeblogger:
Nachdem die ersten DTP-fähigen Computer dafür gesorgt haben, dass Sekretärinnen Flyer gestalteten und nachdem WYSIWYG-Editoren dafür gesorgt haben, dass Freunde vom Neffen des Vertriebsleiters am Wochenende mal schnell den Unternehmens-Webauftritt gebastelt haben, dürfen wir uns jetzt bald auf Instant-Spots freuen.
Hier herrscht Sorge, dass Kreativität womöglich künftig nicht mehr bezahlt werden wird. Ich befürchte das eigentlich nicht, eher im Gegenteil. Martin Rölls Abgesang auf die klassiche Werbung halte ich für verfrüht.
Denn alle neuen Werbewerkzeuge haben eines gemeinsam: Sie erhöhen die Effizienz der Werbung. Sie eliminieren Kosten, die durch historisch gewachsene Strukturen, unzureichende Technik und ineffektive Abwicklung entstehen. Werbung wird in der Herstellung billiger, aber die freiwerdenden Mittel können (und werden) auch in Kreativität investiert werden - unter einer Bedingung: Kreativität muss ihre Effizienz nachweisen können. Enter Web Analytics.
Insofern ist die historische Analyse von Bernd M. Michael, Ex-CEO von Grey, in der w&v [PDF] zwar interessant, hilft aber keinen Millimeter weiter. Denn die guten, alten Zeiten kommen nicht zurück. Werbeagenturen investierten besser ins Thema Effizienznachweis, dann stimmte auch die Kasse. Die technische Entwicklung hilft, sie schadet nur denen, die sie ignorieren.
Teil eins und zwei dieser (bis jetzt) Trilogie und eine Antwort auf Martin Röll sind im Januar erschienen. Foto von Matt Balara
> Je besser es einer Agentur gelingt, ihre Leistung direkt
> vom Werbekunden honorieren zu lassen und den Umweg über das
> Mediageschäft zu vermeiden, desto weniger Probleme.
> Transparenz gewinnt.
Das IMHO der Satz, den sich Agenturen als Quintessenz über ihre Schreibtische hängen sollten. Die guten alten Zeiten kommen mit Sicherheit nicht zurück. Sie sind mit und ohne Google Auktionen schon lange vorbei.
> Werbung wird in der Herstellung billiger, aber die
> freiwerdenden Mittel können (und werden) auch in
> Kreativität investiert werden
Puh, um das zu hoffen, bin ich wohl zu sehr Kulturpessimist. Mein erster Impuls: Ich fürchte, das Geld, das frei wird, wird zunächst mal nicht in Klasse, sondern in erster Linie in Masse gesteckt. Aber du hast schon Recht: Unser Job wird es sein, unseren Kunden klar zu machen, warum man die frei werdenden Mittel besser in Qualität als in Quantität stecken sollte. Es gibt viel zu tun...
> Unser Job wird es sein, unseren Kunden
> klar zu machen, warum man die frei
> werdenden Mittel besser in Qualität
> als in Quantität stecken sollte.
Und das steht und fällt mit dem Effizienznachweis. Wenn Quantität effizienter als Qualität ist oder auch nur besser nachweisbar ist...