Martin Röll prägt einen bösen, aber irgendwie treffenden Begriff: Primitivinternet.
Manche glauben, dass Menschen vor allem durch Neugierde und Macht- bzw. dem daraus resultierenden Selbstdarstellungstrieb angetrieben sind. Sie möchten Neues, Interessantes finden und sich selbst darstellen. Sie wollen das Vertrauen und die Anerkennung der anderen und sichtbare Symbole, die ihren Status repräsentieren.
Sie werden deshalb Teil einer "Community", das ist hier: eine technische Plattform im Internet, in der sie das finden und in der es ein System des Aufstiegs im "Trust", das ist das technisch ausgedrückte Vertrauen der anderen in einen, gibt. [...]

In der Tat. Aber sind sie die bevorzugte Zielgruppe für das Marketing? Wohl kaum (oder jedenfalls nicht generell), meint wohl auch Martin. Doch da gibt es auch noch ein anderes Internet, das völlig andere Züge trägt. Welche Leute findet man dort?Das ist das Primitivinternet. Es gibt das schon lange, aber jetzt ist mir das richtig klar.
Es gibt die: die, die auf den Plattformen leben, die Reputation-Points sammeln, die gierig die von den Viral-Marketers geseedeten Clips replizieren und weiterschicken (hurra! Wirtstiere!), die jede noch so dumme Frage auf COSMiQ beantworten, um Punkte, Reputation, Trust oder wasauchimmer zu sammeln oder auch einfach nur die Zeit totzuschlagen. Es gibt sie.
Nun gut. Das ist jetzt eine übersichtliche Dichotomie zur Veranschaulichung der komplexen Realität. Aber warum nicht? Es sind übrigens Resultate der gestrigen Diskussion in der Labrador Lounge. Erste Bilder bei Lummaland, Behindertenparkplatz und Ringfahndung. Das Foto oben ist von Nico Lumma.Die, die nur wenig Zeit am Netz verbringen, ganz gezielt, wenn sie was suchen oder kommunizieren wollen. Die im wesentlichen woanders, vielleicht offline, leben, ein richtiges Leben [tm] haben und nicht Mitglied auf einer, sondern auf vielen Plattformen sind. Für die "Community" nicht Software und Plattform bedeutet, sondern menschliche Gemeinschaft. Die Reputation an menschlichen Äußerungen spüren und nicht als Trustpoints messen. Manche von denen haben vielleicht ein Weblog, in dem sie mal schreiben, mal behaupten, mal fragen, mal Information weitergeben, über das sie Leute kennenlernen, Kontakte pflegen, sich selbst "darstellen", naja: Sie leben halt da und dabei stellt man sich fast automatisch dar.
Manche lassen sich durch Bonbons und Trust-Punkte motivieren. Manche sind komplexer.
Ich war auch etwas erschrocken darüber, mit welcher Selbstverständlichkeit (Selbstherrlichkeit?) hier das Prinzip „Märkte sind Gespräche“ auf ein einfaches Punktewertungssystem zurückgeführt wird. Das erinnerte mich an diese Abenteuer-Rollenspiele, bei denen es auch darum geht Punkte zu sammeln, und so zu etwas Großem aufzusteigen. Dummerweise bleibt das natürlich ein Spiel bei dem es letztendlich nur um Punkte geht.
Besonders interessant für mich: Anfang der Woche der erste Hamburger Webmontag (http://www.webmontag.de/doku.php?id=20.03.2006_hamburg), gestern die Labrador Lounge. Größer könnte der Kontrast nicht gewesen sein.
'Primitiv', das definiert sich doch immer vom 'überhöhten' Standpunkt des Betrachters, oder?
Sorry, wenn ich jemand höre (oder lese) der etwas Anderes und/oder Andere als 'primitiv' bezeichnet, stellen sich bei mir die Nackenhaare auf. Dabei meint primitiv ja nur 'ursprünglich, einfach, direkt ....'
Mir gefällt der Begriff "Primitvinternet" ebenfalls nicht, zumal der einfache Zugang zum Netz so gar etwas Positives darstellt. Schließlich wird nicht umsonst immer wieder eine gute Usability der Websites eingefordert.
Aber schlimmer finde ich ich den Begriff "Wirtstiere", den Martin Röll ebenfalls verwendet. Als solche würde ich diejenigen, die sich Reputation-Points oder Bonbons wünschen, nun wirklich nicht bezeichnen. Was ist denn so schlimm daran, dass der Einzelne in einer Community nach Anerkennung strebt? Während es für manche auszureichen scheint, wenn andere eine Antwort positiv bewerten, schielen (nicht nur Blogger) auf ihre Vernetzung (Technorati) oder auf den Traffic ihrer Websites.
Dieses Streben nach Anerkennung ist etwas zutiefst Menschliches und überhaupt nicht verwerflich. Die Bewertungsmechanismen einer Community dienen natürlich dazu, ihre Nutzer zu binden. Und freuen wir uns in unseren Blogs nicht auch darüber, wenn einige unsere Beiträge kommentieren? So viel "komplexer" sind wir nun auch wieder nicht.
hättest dich ja mal zu erkennen geben können :)
Wer? Ich war gar nicht da. :)
Das "Wirtstiere"-Wort ist eine Anknüpfung an die Terminologie der Viral-Marketer (die "Viren" "aussähen" um Leute zu "infizieren"), nicht "mein" Wort. Ich finde diese Sprache schauderhaft. Das Virus im Zentrum, der Mensch nur noch als Überträger.
"Primitiv" steht nur für "einfach". Diese Sites sind einfach. Sie ermöglichen und fördern einfache Verhaltensweisen. Es ging mir nicht darum, das eine oder das andere zu "überhöhen". Primitiv sein ist völlig in Ordnung. Auch ich hatte mal einen Account auf Lycos. :) Ich denke nur, dass es so viele so primitive Leute nicht gibt.
Man kann doch darüber lächeln ohne überheblich zu sein. Wenn es Menschen gibt, denen es Freude macht und andere, die damit sogar Geld verdienen, kann es doch gar nicht so verkehrt sein und mal ehrlich, was weiß man denn schon über die User dieser Communities?
Es ist schade, dass man als normaler Durchschnittsmensch oftmals mitgeteilt bekommt, man sei primitiv, weil man nicht clever, weitsichtig und vielseitig interessiert ist, weil man eine Durchschnittsmeinung hat und Durchschnittsdinge tut. Zeit in solchen Communities zu verbringen beweist jedenfalls nicht, dass man kein Leben außerhalb der Plattformen führt.