Was ist authentisch?



Die digitale Revolution frisst ihre Kinder. Dieser abgegriffene Satz liegt nahe angesichts der allgemeinen Aufregung über einen YouTube-Fake namens lonelygirl15.

Diese Aufregung speist sich aus einer gewissen Naivität im Umgang mit digitalen Medien - aus der unausgesprochenen Voraussetzung, die dort präsentierten Menschen und Geschichten seien authentisch. Warum sollten sie das sein?

Seit der Erfindung des Buchdrucks mussten wir lernen, dass nicht alles wahr, gut und schön ist, nur weil es gedruckt oder gesendet wird. Wir wissen, dass ein Roman oder eine tägliche Seifenoper fiktiv sind.

Wir können auch wissen, dass journalistische Nachrichtengebung und Hintergrundberichterstattung nicht die Realität im Verhältnis 1:1 abbilden - und das auch gar nicht können, denn jedenfalls ist die abgebildete Realität größer als der im Medium zur Verfügung stehende Raum.

Das Internet hat an dieser Diskrepanz nichts geändert. Auch das Web bildet eine größere Realität ab und schafft selbst eine neue (aber das hat auch schon der Roman geleistet, ist insofern also nichts Neues). Warum sollte das im nutzergenerierten Web 2.0 nicht gelten? Im Prinzip ist jeder Blogger eine Kunstfigur, selbst wenn er sich nicht als solche versteht.

Insofern schlage ich vor, die Beweislast umzukehren und bis zum Beweis des Gegenteils keine Authentizität zu unterstellen. Zuallererst ist es Unterhaltung, die das Web antreibt. Ob uns etwas gefällt, uns bei Laune hält und also unterhält - das jedenfalls können wir sofort erkennen. Ob es echt ist oder nicht, das hingegen wird im Web nicht mehr so leicht zu unterscheiden sein wie in den alten Medien.

Nils Jacobsen erzählt die (ganze?) Geschichte von lonelygirl15 nach.

Nachtrag: Lonelygirl 15 is Jessica Rose

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11 Kommentare

Der Umkehr der Beweislast hat was für sich. Was Lonleygirl betrifft: In diesem Fall ist es doch wurscht, ob sie wirklich authentisch war. Gina Wild hat auch einen anderen bürgerlichen Namen. Im übrigen: Letztlich ist es nicht das Problem "des Webs", ob jemand Fakes ins Netz stellt oder nicht, sondern dessen, der es macht. Auch die klassischen Medien fallen immer wieder auf bestimmte Dinge rein. Skeptischer ja, aber bitte nicht übertreiben. Den Youtube ist weniger investigativer Journalismus als reines Entertainment.

... um es einmal aus einer anderen Sicht zu betrachten. Zeige mir mal ein Homevideo welches derartig perfekt geschnitten wurde wie es alle Videos von diesem Fake sind/waren. Eine 15(?) jährige und selbst deren Freunde wären sicherlich nicht in der Lage dies zu bewerkstelligen. Also für mich allein schon aus diesem Grund unglaubwürdig.

Hehe, 'Entertainment'... Mal nicht so unspezifisch der Herr:-) Zuallererst ist es Pornographie, die 'das Web antreibt', wenn man jene Formulierung mal auf technologischen Fortschritt hin interpretiert. Die Pornoindustrie zählt zu den 'early adopters' technologischer Neuerungen und ist deshalb eine der wichtigsten Antriebskräfte bei der Wegbereitung neuer Technologien, ganz speziell wenn sich zwei Standards gegenüberstehen, wie zB beim Paradebeispiel VHS vs Betamax. Man darf gespannt sein auf Bluray vs HDDVD. Aber zurück zum 'Web', bzw seinen Vorgängern: Im BTX, später Datex-J, waren vorwiegend pornographische Anbieter präsent. Ich wage gar zu behaupten, dass Kreditkarten eine Erfindung der Pornoindustrie sind... naja, guckt mal hier: http://www.google.com/trends?q=sex%2C+myspace%2C+tsunami&ctab=1&geo=all&date=all

Der Vergleich Roman vs Web hinkt. Während ein Roman per definitionem eine fiktive Geschichte (oder eine Geschichte mit realem Hintergrund als eine Abart davon) ist, sollte auf Webseiten, die mit Personen zu tun haben, erst einmal angenommen werden können, dass diese Personen real sind.

Ebenfalls schräg ist die Behauptung, dass jeder Blogger eine Kunstfigur sei. Richtig ist: Jeder Mensch, der sich im Internet darstellt (ob im Weblog oder nicht), produziert ein Image von sich selbst, d. h. er präsentiert sich (mehr oder weniger gefiltert). Und wenn die produzierende Person mit der repräsentierten Person nichts zu tun hat, so ist es vielleicht ein Rollenspiel, aber dadurch noch lange keine Kunst. Es sei denn (vielleicht), es ist sowieso alles Theater.

Während ein Roman per definitionem eine fiktive Geschichte (oder eine Geschichte mit realem Hintergrund als eine Abart davon) ist, sollte auf Webseiten, die mit Personen zu tun haben, erst einmal angenommen werden können, dass diese Personen real sind.

Warum sollte bei YouTube ausgerechnet diese Annahme gelten? Das kann ich nicht erkennen. Nach lonelygirl15 erst recht nicht.

Der Begriff Kunstfigur ist im Sinne von "künstlich" zu verstehen, im Gegensatz zu "authentisch" (natürlich, echt). Aber das ist ja eigentlich offensichtlich, oder? :)

Woher kommt bloß die Idee, Teenager können keine vernünftigen Videos schneiden? Die Hardware ist heute keine Hürde mehr, die Software gibts im Netz und Tutorials bzw. Foren sowieso. Ehrlich, da habe ich schon ganz andere Sachen gesehen.
Unklar ist mir auch der Gedanke, ich müsse hier grundsätzlich erstmal von Fakes und Kunstfiguren ausgehen. Welch ein Menschenbild. Ich bin nicht nur Konsument! Aber sowas kommt natürlich von Medien, die sich schon immer unglaublich unsicher im Netz bewegten.

Sorry aber die These von der "Unterhaltung, die das Web antreibt" ist imho Schwachsinn. Triebfeder des Internet, schon lange bevor irgendetwas "zwonull" war und besonders seitdem, ist Kommunikation.

Und genau die geht kaputt wenn ich in Zukunft erstmal davon ausgehe, dass es den anderen gar nicht wirklich gibt und da nur irgendwo eine Marketingfirma sitzt, die mir nur was verkaufen will. Beim Medium Email ist das schon so.

Diese Art von Fakes sind nicht anderes als Spam. Unerwünschte, nicht echte Kommunikation die sich die Popularität eines Mediums parasitär zu nutze macht.

Dass "Verkaufen" irgendwie unethisch ist, wäre auf einem E-Commerce-Blog jedenfalls eine gewagte These. Spannender ist doch die Frage, was funktioniert und was nicht.

Welche Ziele mit lonelygirl15 verfolgt wurden, scheint mir noch keineswegs klar zu sein. Klar ist nur: Es ist naiv, jedes Video auf YouTube für bare Münze zu nehmen.

Das war aber auch vor lonegirl15 schon nicht anders.

Wenn wir uns schon (leider) im Web 2.0 Bubble befinden, dann sollte man doch (und da stimme ich mit Dr. Will überein) davon ausgehen können, das die Figuren im Netz heutzutage etwas realer sind als zu Web 1.0 Zeiten.

Social networking zwischen Fakes? Interessante Pararellwelt. Macht auch nix, macht ja Spass. Nur dann bitte nicht Web 2.0 nennen.

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, das Murdoch für Fake-Profildaten 580 Mio zahlt. Und sollte es "nur" um die Page-Impressions gehen, dann sollten solche Site nicht die Ankersites für das Web 2.0 - Paradigma sein.

sagt Frau Reh, die selbstverständlich total echt ist.

Dass MySpace keine Ankersite für Web 2.0 ist, sieht MySpace ja inzwischen selbst so.

Dass die Netzfiguren heute eher real sind als früher, mag sein, scheint mir aber grosso modo eher Wunschdenken zu sein. Oder auch ein nicht eingelöster Anspruch.

Aber die Echtheit von Frau Reh ist natürlich über jeden Zweifel erhaben.

Nun, die Realität holt früher oder später alle ein. Wer hat denn ernsthaft geglaubt, dass alles, was im Entferntesten mit Web2.0 zu tun hat, auch authentisch ist? Wer hat denn behauptet, dass alle Blogger, MySpacer, YouTuber usw. alle echt sind? Ich verstehe die Aufregung nicht. Jedes Mittel der Kommunikation wurde bis jetzt von Anfang an immer auch als Mittel der Werbung, der Selbstdartellung, des Verkaufs genutzt.

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