Der Niedergang der traditionellen Medienhäuser begann sich genau in jenem Moment dramatisch zu verschärfen, als sie damit anfingen, von ihrem Produkt in leeren Metaphern zu sprechen. Was, bitte, sind Inhalte, gern auch als Content bezeichnet?
- Wofür steht der Plural? Für Vielfalt? Für Austauschbarkeit?
- Was ist das Gefäß oder die Verpackung? Ein Bitstrom? Ein On-Air-Design? Ein Stapel Papier? Ein Format?
- Wie lassen sich "Inhalte" umverpacken? Sind sie flüssig oder fest (oder gasförmig)?
- Kann man sie beliebig vermehren oder kopieren?
Die Rede von Inhalten verkennt, dass Medien meistens nichts anderes verkaufen können als sich selbst. Für eine Zeitung mag ich bereit sein, einen Euro fünfzig zu zahlen - ein einzelner Artikel ist wertlos (außer in Spezialfällen wie der gewerblichen Archivnutzung, Genios lässt grüßen). Das frei empfangbare Fernsehen mag Gebühren kosten - für einzelne Sendungen zahlt kein Mensch (außer in Spezialfällen wie der DVD-Nachnutzung).
Medienmarken können Zusatzgeschäfte tragen (siehe die SZ-Editionen und die Mediathek). Aber die Zusatzgeschäfte können kein absterbendes Stammgeschäft kompensieren. Irgendwann stirbt auch die Medienmarke.
Unter dem großen Denkfehler, der sich hinter dem kleinen Wort Inhalte verbirgt, leidet auch der ansonsten kluge Kommentar von Lutz Meier in der heutigen FTD (nicht online - womit ein Teil des Problems schon illustriert wäre). Die entscheidende Passage:
Fast alle Medienhäuser kommen von der Publizistik. Erst später sind sie zu Zwittern geworden: Einerseits ist es ihr Geschäft, dem Publikum unverzichtbare Inhalte zu versprechen und dafür Geld zu verlangen. Zugleich leben sie davon, mit den Inhalten Zielgruppen zu gewinnen, um sie an Werbekunden zu verkaufen. Dieses Zwitterdasein führt angesichts der digitalen Revolution in die Identitätskrise. Medienhäuser müssen sich deshalb überlegen, wofür sie da sind: Sind sie zuerst Aufmerksamkeitsaggregatoren, die eine Marktposition im Werbegeschäft brauchen? Oder ist es ihre Existenzgrundlage, Information und Unterhaltung so zu sammeln, ordnen und aufzubereiten, dass sie für das Publikum einen Wert darstellen?
Im ersten Fall bliebe nichts anderes übrig, als die Konfrontation mit Google und Ebay zu suchen, um diesen in Sachen Aufmerksamkeitsökonomie überlegen zu werden. Das ist teuer und risikoreich. Und es wäre ehrlich zu sagen, dass es dazu führen kann, dass Redaktionen überflüssig werden und die Verlässlichkeit von Information zum relativen Wert.
Für andere – gerade traditionelle Printhäuser – kann der zweite Weg lohnender sein. Auch dann bedeutet die digitale Entwicklung Umdenken. Druckerzeugnisse in ihrer jetzigen Form haben keine große Zukunft. Die Medien müssen also mit ihren Inhalten auf digitale Plattformen. Dort konkurrieren sie direkt mit dem, was freischwebende Medienproduzenten bieten, etwa Blogs, und auch mit kostenlosen Seiten. Der Mehrwert der gebotenen Information muss demnach unmittelbar erkennbar sein. Wie dieser dann zu Geld gemacht wird, ist erst die zweite Aufgabe.
Die letzten beiden Sätze jedenfalls treffen den Nagel auf den Kopf.
dazu fällt mir noch ein, dass nicht einmal mehr die medienhäuser von "paid content" sprechen, also diese hoffnung wohl aufgegeben haben. konsequenterweise dann aber schon in der ersten internetwelle ende der 90er bereit waren, all ihren "content" kostenlos online zu veröffentlichen, in der hoffnung, online leser für die printprodukte zu gewinnen. wie soll man die online-leser jetzt noch umerziehen, wo sie seit zehn jahren bestens digital und kostenlos versorgt werden.
ich bin abonnent einer großen deutschen tageszeitung. vieles von dem, was ich für 34 euro im monat morgens so ab ca. 7.00 uhr vor meiner haustür liegen habe, lese ich schon nachmittags kostenlos im netz. wie viele sind so leidensfähig wie meiner einer?
Der große Vorteil meines Spiegel-Abos? Ich kann ihn auf dem Klo lesen, ich kann ihn auch mal beim Baden in die Wanne fallen lassen - das hält das Ding ganz prima aus - und ich kann mit einem x-beliebigen Stift darin Zeilen unterstreichen und somit meinen Familienmitgliedern unterschwellig Signale geben...
Zeigt mir mal, wie das in einer elektronischen Publikation so einfach möglich ist? Die Renaissance der Medien wird die Rückbesinnung auf Bleistift und Papier sein. Geschichtenerzähler werden die neuen Stars.
Das SPIEGEL-Abo ist ein gutes Beispiel, denn die frei erhältlichen Online-Artikel unterscheiden sich (naturgemäß) von denen der Print-Version. Es gibt zwar (kurze) Zeitfenster, in denen ich die gedruckten Artikel auch online kostenlos bekomme, aber die sind meistens recht kurz. Ein Abonemment ist also gewissermaßen der Luxus, den ich mir gönne, um zeit-, netz- und ortsunabhängig lesen zu können.
Ganz meine Meinung. Verlagshäuser müssen Gedrucktes verkaufen, davon leben sie. Die Tragik der Printmedien ist nur, dass sie mehr und mehr als Luxus wahrgenommen werden und deshalb schwieriger zu verkaufen sind.
Man achte nur mal auf die allfälligen Zugaben: Selbst der Spiegel legt regelmäßig DVDs bei. Und der Focus war schon immer auf massive TV-Werbung angewiesen, um seine verkaufte Auflage halten zu können.
Und deshalb diversifizieren Verlagshäuser ihr Angebot auch: Serien für Kinderbücher, Krimis, Hörbücher, CD's, Themenhefte usw. Die Serien verkaufen sich über den (Niedrig-)preis, Themenhefte ist quasi Luxus-Recycling. Ob ich dann auch noch einen Zusatz-Obolus entrichten wollte für ein Premium-Abo für vollständigen Zugriff auf den ganzen Online-Bereich? Ich denke eher nicht.
Die DVDs, die Spiegelabonnenten erhalten sind ein gutes Beispiel für die Wertigkeit dieser Investition. Quasi die 12inch Version der Single, die ich hastig online konsumiert hatte. Die DVD ist aber mein, mein ganz allein und kommt in die Bibliothek und erfährt ihren Wert vielleicht erst in 10 Jahren, wenn meine Kinder nach diesen Themen fragen.
Alles was online ist, ist beliebig, da für jeden frei zugänglich. Die Schwelle zum Print ist und war immer die höchste (siehe Luther). Alle digitale Medien wird dem lange noch hinterher hecheln. Denn wie auch bei den Millionen Digifotos, haben nur die wirklich einmal einen Wert, die es in den Rahmen an der Wand schaffen.
Ich wette einen Kasten Astra, dass man in 2 Jahren Fischmarkt am Kiosk kaufen kann! (Das war auch ein Kompliment ;-)
"Die DVDs, die Spiegelabonnenten erhalten sind ein gutes Beispiel für die Wertigkeit dieser Investition."
Aua.
Sorry, aber Zeitungs-/Zeitschriftenverlage sollen Zeitungen/Zeitschriften produzieren. Und wenn sie diese nur damit an den Mann bringen können, dass DVDs oder sonstwas beigelegt werden, dann läuft was schief.
Ich kenne die SPIEGEL-DVDs nicht, aber beim Medienkonzern SPIEGEL würde es mich überraschen, wenn diese wirklich derart exklusiv und wertig sind. Vermutlich handelt es sich um die xte Aufbereitung von Material, das SPIEGEL TV bzw. a+i vorher über RTL, VOX, XXP/DMAC und SPIEGEL TV Digital abgenudelt hat und in den nächsten Jahren abnudeln wird (aktuell wieder SPIEGEL TV Digital z.B. 6-8 Jahre alte SPIEGEL-Dokus...)
In 10 Jahren werden sich die Kinder schlapplachen über die kleine Scheibe die Platz wegnimmt. Das Zeug können sie sich auf dem Laptop runterholen.
Der Kernsatz steckt hier: "Die Schwelle zum Print ist und war immer die höchste (siehe Luther)."
Ja, in der Tat. Und darin liegt die Zukunft von Zeitungen: nicht mehr den Zirkus mitmachen und versuchen die Aufgeregtheiten des Vortages nachklingen zu lassen, sondern in die Tiefe gehen und analysieren, pointiert berichten, so wie es sonst keiner tut. Es muss sich LOHNEN knapp 24h alte Informationen wieder darzustellen.
Das ist im übrigen nicht nur eine Sache der Informationen, sondern auch des Layouts, der Grafiken. So etwas wie GEO auf gutem Papier, hat eine andere Wertigkeit als eine Flash-Diashow oder Schmalband-TV bei SPIEGEL-TV, mit Artefakten übersät.
Zu den älteren Zeitungswerken die ich aufbewahrt habe, zählen Sonderausgaben der Libération zum Fall der Mauer und zum 25jährigen Jubiläum der Libé. Vom Sujet zeitlos, von der Aufmachung Emotionen auslösend.
PS: Mein Laptop nimmt am Frühstückstisch weniger Platz weg als handelsübliche Qualitätszeitungen und wie man die SZ unfallfrei in der Badewanne umblättern soll, erschließt sich mir nicht. Habe ich aber bislang selten als Vorwurf gegen die SZ gehört, sondern ausschließlich gegen Laptops, die naß werden könnten... strange.
Der einzige Vorteil einer gedruckten Ausgabe ist ihre absolute Flexibilität, die sie sich in Laufe der Geschichte erworben hat. Sie hat es zum festen Bestandteil der Menschheit gebraucht. Mit keiner elektronischen Publikation kann so umgegangen werden, wie mit einem auf totem Holz mit schwarzer Tinte gedruckten Werk. Die digitale oder elektonische Publikation ist da noch mehrere Akteptanz- und Entwicklungsschritte von entfernt. Doch die technische Entwicklung bleibt nicht stehen. Und die Menschen, die auf papierbedruckte Werke großteils verzichten können, werden immer mehr. Zumindest in unserer hochtechnologisierten und westlichen Gesellschaft. Das es für Bücher, Zeitschriften und Zeitungen immer ausreichend Kunden und Bedarf geben wird, ist klar. Genauso, wie es das Fernsehen nicht geschafft hat Zeitungen und Radio abzulösen. So werden auch die digitalen Medien ihren Platz in unserer Medienlandschaft finden. Es wird einfach ein paar Kommunikationsplattformen und Informationskanäle mehr geben. Darauf müssen wir uns einstellen. Vor allem die etablierten Medienunternehmen müssen sich darauf einstellen. Weitsichtig wäre es, sich schon frühzeitig auf die aktuellen Entwicklungen einzulassen. Und auch mal selber ausprobieren und experimentieren, ohne schon vorher nach dem Geschäftsmodell zu fragen. Nur leider ist das in unserer Budget-orientierten Zeit schwierig geworden. Wohl dem, der mit seinen Ideen nicht auf das Ok eines Konzerns warten muss.
Bei dem Aua gebe ich Dir sogar recht. Die DVDs habe ich mir in der Tat noch nicht angeschaut und sicherlich besteht die Gefahr, dass dort die Resteverwertung all der anderen TV-Schnipsel stattfindet. Doch hey, ich glotz so was gar nicht, und zeichne so was auch nicht auf, denn auch im Medium TV ist die Manipulation und das PR Gesumpf mir schon viel zu tief und die Formate flach wie Knäckebrotscheiben. Und schwupp trotzdem erreicht mich das Thema doch noch auf diesem Weg und ich werde die "Mehr"wertigkeit dieser Beilagen prüfen.
Man muss als Spiegel Online und Print Konsument aber über die Raffinesse und das Timing staunen, in dem sich beide Kanäle verzahnen. Was ich Montagmorgen im Print auf der Schwelle habe, war zwar Sonntagabend schon online, aber erst Montagabend in der Badewanne konsumiere ich den vollen Artikel in seiner vollen Bandbreite.
Ich finde auch eher die Tatsache charmant, dass ich über mein Abonnement mit einem exklusiven Mehrwert beehrt werde. Die Wertigkeit und Auswahl der Themen, letzendlich die Geste des "Beigebens" bauen bei mir eine Beziehung zu der Publikation auf bzw. zu dem Verlag, den ich zu meiner Wissensquelle erwählt habe.
Am Rande: AUA hoch zwei sage ich aber mal zu dem Laptop am Frühstückstisch! Untergang des Abendlandes und Skizze einer Welt, die ich mir nicht anschauen möchte. Spreche hierbei aber als Vater, Sorry!
Man zeige mir Content ohne Medium!
Das Wesen des Medienprodukts, denn davon reden wir hier ja, ist, dass es immer eines Mediums bedarf.
All diese Dinge kosten Geld. So oder so entstehen Kosten.
Die entscheidende Frage ist:
Wer verdient daran?
Wenn Medienkonzerne Ihre Mitarbeiter aus den Offline-Medien finanzieren und die Online-Medien kostenlos beliefern, spricht man eigentlich von Quersubventionierung.
Und wenn professionelle Redakteure es nicht schaffen, sich gegenüber privaten Hobbyredakteuren zu behaupten, dann lag der bisherige Mehrwert der Medienkonzerne lediglich in der Distribution und Produktion des gedruckten Papiers - und: in der Ubiquität!!!
Das Internet bedeutet Ubiquität - für alle!
Und wenn das der Fall ist, entsteht hier kein Mehrwert. Papier und Distribution fallen weg. Was bleibt ist der professionelle Redakteur - wenn es ihn denn überhaupt gibt.
Und: Der Nutzen von Information erschließt sich erst, wenn man sie hat.
In diesem Dilemma steckt die gesamte Medienbranche: Musik, Text, Bilder, Film
- Wegfall von Distribution
- Wegfall von teurer Trägerprodukten (bedrucktes Papier)
- Wegfall von Ubiquitätsproblemen
- Wegfall der Quersubvention des Internet-Mediums
- Nutzen von Information erst bei Konsum
Es lebe der Redakteur - oder eben auch nicht!Schön auf den Punkt gebracht, danke!
Habe mal ein </ul> ergänzt.