
Zwar etwas kurzfristig, aber sei es drum: Am Donnerstag findet das 2. Dresdner Zukunftsforum statt. Der prominenteste Sprecher ist Tim O'Reilly. Doch den größten PR-Coup haben die Veranstalter mit Jaron Lanier gelandet, der gestern im Spiegel vor dem gefährlichen Glauben an die Weisheit der Massen warnte.
Derzeit wird die Vorstellung immer populärer, das Kollektiv könne nicht nur Zahlenwerte wie einen Marktpreis ermitteln, sondern verfüge als eine - gern Schwarmgeist genannte - höhere Intelligenz über eigene Ideen, ja sogar über eine überlegene Meinung. Eine solche Denkweise hat in der Geschichte schon mehrfach zu sozialen und politischen Verheerungen geführt. Mir bereitet die Vision Sorgen, nur das große Ganze, das Kollektiv sei real und wichtig - nicht aber der einzelne Mensch. Das war der Fehler in allen totalitären Ideologien, vom Nazi-Regime über Pol Pot bis zu den Islamisten.
Das Interview hat völlig zu Unrecht bislang kaum Verbreitung in deutschsprachigen Blogs gefunden. Bis dato hat es neben dem Veranstalter-Blog selbst nur das Bildblog (!) erwähnt. (Was daran liegen könnte, dass der Text nicht im Netz verfügbar.)
vor ein paar wochen gabs bereits ein interview mit jaron lanier in der „gdi-impuls“. problem dabei: die texte der zeitschrift gibts nicht nur nicht online, sondern auch nicht am kiosk.
Liegt vielleicht daran, dass es das Thema Mitte Juni in der Süddeutschen Zeitung gab (http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/306/78228/), bezugnehmend auf einen Essay in der Zeitschrift Edge vom Mai (http://www.edge.org/3rd_culture/lanier06/lanier06_index.html). Damals wurde es auch in den deutschen Blogs diskutiert. Der Spiegel ist also bei diesem Thema nur etwa sechs Monate im Verzug.
Ha, hab´ ich schon gestern Abend in der Badewanne gelesen - und dachte - hey, wieso muß erst immer so ne Ex-LSD Lusche kommen und den Messiahs spielen? All die Businessuities werden jetzt sicher blass und haben Angst um ihre Tagclouds und Mashups. Zu Recht! Zu Recht! Der Mann er sagt die allbekannte Wahrheit und schon ist Frage wieder im Rennen: wo ist der Underground, wenn der Mainstream schon wieder überall ist? Oder für Hamburger, wo ist die neue Schanze?
"Der Spiegel ist also bei diesem Thema nur etwa sechs Monate im Verzug."
Und der Fischmarkt demnach auch. :)
@as: jüngelchen, wenn von deinem leben auch nur annähernd so viel übrig bleibt wie von der “ex-LSD Lusche” kannst du verdammt stolz sein. die wahrscheinlichkeit dafür scheint mir allerdings eher gering. erster indikator: postpubertäre grossspurigkeit.
Was is denn mit dem brossmann los? nicht sehr humorvoll diese Anmerkung tsss tsss. Aber cooles acid design im blog, das darf ich dann anmerken....
Zurück zum Thema: hatte gestern die Gelegenheit, das Interview in Gänze zu lesen. Was mich an der Idee des kollektiven Schwarmgeistes irritiert, ist, dass dieser nicht mehr identifizierbar ist - die Intelligenz, von der gesprochen wird, bleibt abstrakt. Es ist zwar nachvollziehbar, dass die Intelligenz zweier Menschen, welche sich bewusst zusammentun, gepaart mit Kreativität, durchaus Erstaunliches vorzubringen vermag, aber ich denke nicht, dass man das auf anonyme Massen verallgemeinern kann. Woher kommt eigentlich diese Idee des Schwarmgeistes?
woher kommt eigentlich die idee, dass kollektiv vorhandenes wissen ein kürzerer weg zu totalitären strukturen ist als monopolistisches? bei schwarmintelligenz geht es nicht um die zwingende anwendung des gesellschaftlichen durchschnittes, sondern um das sammeln des individuell vorhandenen wissens.
@as: wunderbare replik, danke!
@brossmann: jaja, die sache mit dem stolz. ich beispielsweise wäre stolz auf dich, wenn du auch bei deinen beleidigungen bei der sache bliebest, anstatt mitmenschen mit niveau und ironie anzupupsen.
... ich bin gerade auf dem Weg zu dieser Veranstaltung, die ich moderieren darf. Natuerlich ist das Thema spannend und hat viele Facetten. Neben den jetzt schon ausfuerlich diskutierten gesellschaftlichen Aspekten gibt es auch einige wissenschaftliche Erkentnisse. Danach scheint es schon so zu sein dass eine einzelne Person kreativer sein kann als ein Team. Aber muessen Unternehmen deshalb auf die "Schwarmintelligenz" verzichten? Wie ist die Wahrscheinlichkeit diesen Mitarbeiter an Bord zu haben?
Mittlerweile gibt es das Interview auf SPIEGEL ONLINE
@ J. Niemeier: Ich glaube jede profitbale Firma hat mindestens einen kleinen Schwarm dieser Mitarbeiter an Bord. Doch wie bringe ich die Kreativität des Einzelnen und seinen Ideenreichtum gewinnbringend für beide Seiten in den Schwarm ein ;-? Das ist die entscheidende Frage, die seit Jahren immer wieder diskutiert wird. Gibt es einen Keks oder Knete für meinen Eintrag im Firmenwiki? Was ist die maximale Anzahl an Keksen, die ich bekommen kann und wie kann ich mit dem Gefühl leben als Teil eines Schwarms betrachtet zu werden und die gleichen Kekse zu essen wie die anderen? ...
Aber ich schweife ab ;-)
@as: Aus meiner Sicht gehört das Weitergeben und Aufbereiten von Wissen integrativ zu einem professionellen Arbeitsverständnis. Also keine zusätzlichen Kekse oder Knete. Man wird ja auch nicht für das Mitdenken extra bezahlt, oder? Mich erinnert das immer an die Aktionen rund um das "Betriebliche Vorschlagswesen". Am Ende stand in den meisten Fällen mehr Bürokratie und gestaltet wurde wenig. Aber gerade darum geht es: "Improving the way we work is the most important innovation."
Zu Jaron Larnier: Er war über die "wahrgenommene Schärfe" seiner Aussagen im Spiegel-Interview überrascht und möchte als "freundlicher Kritiker" der aktuellen Entwicklungen im Internet gesehen werden. In einigen Punkten war er aber sehr deutlich, so sieht er z.B. Gefahren durch die mögliche Unterdrückung der individuellen Kreativität, bei anonymen Beiträgen usw. Er mahnte vor allem vor einem fanatischen, vollständigen Glauben an die Macht der Technologie (und der Technokarten), erwähnte aber auch aus seiner Sicht positive Beispiele wie "Second Life", die durchaus Kreativität freisetzen können.
Aber wieder zurück zum Thema: Führen Kekse zu mehr Kreativität?
@jn: Nein, Kekse führen nicht zu mehr Kreativität. Zuviel Kekse machen dumm und faul. Kreativität ist anteilig im Schwarm vorhanden, davon gehe ich aus. Die Kekse sind nur ein plumper Mechanismus, diese Kreativität herauszulocken. Ein Köder und bewußt ein Extra.
Kultur - das große Wort - kann man nicht kaufen, ein- oder ausschalten. Man muß sie formulieren, leben und gestalten. In der Wissengesellschaft ist das umso wichtiger, weil das betriebliche Vorschlagswesen in dieser etwas neues ist und ein nicht in Talern messbares Potential hat... aber das sprengt hier den Rahmen ;-)
Warum läuft eigentlich PACMAN durchs Labyrinth? Wegen der Kekse oder der Geister? ... Kekse können übrigens auch so was wie Home Office, flexible Arbeitszeiten etc. sein.
@as: Einverstanden, aber man kann bzw. sollte diese "Kekse" nicht als "Belohnung" ansehen sondern als Investition in das Unternehmen, in seine Kultur! Anstelle eines Köders auszulegen muss es Ziel sein attraktive Arbeitsbedingungen zu schaffen. Es ist immer gut einen Guru an seiner Seite zu wissen, deshalb lohnt es sich auch den ersten kurzen Podcast-Beitrag unter http://www.centrestage.de/2006/11/16/globalisierung-der-maerkte-global-remix-and-the-new-business-playlist/ anzuhören.
Also ich bleibe dabei: keinen Extra-Keks für Beiträge in einem Weblog. Als alter PACMAN-Spieler will ich meinen Highscore hier allerdings nicht offenlegen ;-)
@jn: Ich merke wir kommen uns näher, In den Podcast werde ich mal reinhören. Dieser Thread hier fängt ja auch schon an zu schimmeln ;-)