Am Fachkräftemangel sind die Agenturen selbst schuld, meint Johannes Kleske, weil sie ihren Mitarbeitern praktisch keine Anreize mehr bieten. Das Agenturgeschäft hat seine eigenen Gesetze, lautete meine Replik.
Am häufig beklagten Fachkräftemangel besteht kein Zweifel. Doch was sind die Ursachen? Betrachten wir zunächst die nicht branchenspezifischen Gründe.
- Geburtenrückgang: In meinem Geburtsjahr 1969 wurden in Deutschland 1.142.366 Kinder geboren. Der Jahrgang 1983, dem die heute 25-jährigen Nachwuchskräfte angehören, zählt nur 827.933 Köpfe. Und die langfristigen Aussichten sind trübe: 2006 kamen gerade einmal 672.724 Kinder zur Welt. Das sind weniger als die Häfte der im geburtenstärksten Jahrgang 1964 geborenen 1.357.304 Menschen. (Quelle: Destatis)
- Abiturientenanteil: 2006 erreichten 415.000 Schulabgänger die Hochschulreife. Damit stieg die Studienberechtigtenquote auf 43,4 Prozent. Der Wissenschaftsrat fordert eine Quote von 50 Prozent, um den Nachwuchskräftemangel zu beheben. (Quelle: Destatis)
- Studienanfänger: 76,1 Prozent der Studienberechtigten beginnen tatsächlich ein Studium. Im Jahr 2006 waren das 344.822 Studienanfänger. Die Studienanfängerquote (Anteil der Studienanfänger in den relevanten Jahrgängen) lag 2006 bei 35,7 Prozent. (Quelle: Destatis)
- Hochschulabsolventen: Im Prüfungsjahr 2006 schlossen 220.782 Studenten ihr Studium ab. Die Hochschulabsolventenquote (Anteil der Absolventen eines Erststudiums in den relevanten Jahrgängen) stieg 2006 auf 22,2 Prozent. Fast ein Drittel der Studienanfänger des Jahres 2000 - die Studienanfängerquote betrug damals 32 Prozent - haben also ihr Studium abgebrochen oder nicht abgeschlossen. (Quelle: Destatis)
- Durchschnittsalter: Die Erstabsolventen deutscher Hochschulen waren 2006 im Durchschnitt 27,7 Jahre alt (Quelle: Destatis). In jenem Jahr kamen demnach die relativ kleinen Geburtsjahrgänge um 1978 auf den Arbeitsmarkt für Hochschulabsolventen. Zwischen 1978 und 1988 gibt es mehrere Jahrgänge, die deutlich größer sind.
Insgesamt erreichen nur die Hälfte aller Studienberechtigten und nur knapp mehr als ein Fünftel eines Jahrgangs einen Hochschulabschluss. Und die Jahrgänge werden immer kleiner. Als Agenturen konkurrieren wir am Arbeitsmarkt also um eine begrenzte und tendenziell schrumpfende Zahl von Nachwuchskräften. Dazu kommen die spezifischen Ursachen unserer Branche:
- In den Jahren 2001 bis 2003 ging der Umsatz der Interaktivagenturen gegenüber den Boomjahren 1998 bis 2000 deutlich zurück. Daraufhin wurden eher Mitarbeiter entlassen als eingestellt und ausgebildet. Fachkräfte verließen die Branche oder wechselten auf Kundenseite und kehrten auch später nicht zurück. So fehlen heute insbesondere Fachkräfte mit fünf bis sieben Jahren Berufserfahrung.
- Agenturen bilden wenig aus. Dabei könnte Ausbildung ein Weg sein, die Abhängigkeit von der relativ kleinen Gruppe der Hochschulabsolventen zu verringern. Doch Ausbildung kostet Geld und dauert lange, löst also keine kurzfristigen Personalprobleme.
- Solche Probleme entstehen insbesondere durch die branchentypisch hohe Fluktuation. Mitarbeiter kommen und gehen in einem Tempo, das in vielen anderen Branchen kaum denkbar wäre.
Heutige Mitarbeiter zu halten und weiterzuentwickeln ist demnach wichtiger als sich im Konkurrenzkampf um fehlende Fachkräfte und immer knapperen Nachwuchs zu verschleißen. Was Agenturen für Mitarbeiterbindung und Personalentwicklung tun können? Dazu gibt Johannes Kleske ein paar wertvolle Hinweise.
Erstens: eine hohe Fluktuation ist nicht einfach "branchentypisch". Sie ist ein Zeichen von Unzufriedenheit der Mitarbeiter und fuer fehlende Perspektiven.
Zweitens: die demographischen Argumente gelten auch fuer andere Branchen.
Drittens: wenn heute vor allem erfahrene Leute fehlen, dann sollte man diesen vernuenftige Perspektiven und ein attraktives Gehaltspaket bei familienfreundlichen Arbeitszeiten bieten. Erfahrene Mitarbeiter sind naturgemaess aelter und sehen in permanenter Wochend- oder Nachtarbeit nichts "Cooles" sondern Ausbeutung.
Viertens: wenn eine Firma permanent Praktikanten oder Junioren einstellt, um vollwertige Jobs zu erledigen, spueren Professionals Druck durch Billigarbeit von unten. Also nach oben keine Perspektive und von unten Billigkonkurrenz.
Fuenftens: das elende Geduze zeigt, mit wie wenig Respekt man sich begegnet. Man erduldet den ganzen Kindergarten. Wenn man 35 ist, durchschaut man, dass Argumente wie "die Kollegen sind voll nett!" wohl doch nicht ausreichen. Bald wird man wohl aussortiert...
Warum tut sich das also jemand an, fuer 3500 Brutto als Senior zu arbeiten, wenn in der Industrie 50-100% mehr drin sind. Das kornnen nicht die besten Leute sein.
PS: Fortbildung hatte ich vergessen. Gibt es natuerlich auch nicht in Agenturen.
Hannes, so ganz schlüssig ist Deine Argumentation nicht. Ich möchte nur einen Punkt herausgreifen: die Fluktuation. Es gab ja Zeiten, so ca. 2001 bis 2003, in denen die Fluktuation fast zum Stillstand kam, weil kaum eingestellt wurde und es somit wenig Wechselmöglichkeiten gab. Seit 2004 ist die Fluktuation wieder angestiegen, weil sich die Lage der Branche und die Zahl der offenen Stellen vergrößert hat. In dieser Situation kommt vermutlich keine wirtschaftlich gesunde Agentur auf die Idee, ihre Senioren auszusortieren. Praktikanten und Junioren sind, ich schrieb es bereits, auch nicht so leicht einzustellen.
Die Fluktuation hängt nicht nur von Unzufriedenheit und fehlenden Perspektiven ab. Von 2001 bis 2003 waren viele Mitarbeiter unzufrieden und die Perspektiven der Interaktivbranche schwierig, doch die Fluktuation war gering - weil die Nachfrage nach Agenturdienstleistungen und entsprechend auch nach Mitarbeitern gering war. Es gab also wenig Alternativen.
In guten Zeiten wie jetzt gibt es viele Alternativen, weil es der Branche insgesamt gut geht, weil viel eingestellt wird und weil das Angebot an Fachkräften insgesamt begrenzt ist. Denn den Gesetzen des Agenturgeschäfts gemäß schwankt die Nachfrage nach Arbeitskräften stärker als das Angebot. Diese schwankende Gesamtnachfrage ist einer der Gründe für die Existenzberechtigung von Agenturen. Dann wäre die Nachfrage nach Agenturdienstleistungen konstant, würden die Unternehmen viel mehr eigene Kapazitäten aufbauen, statt mit Agenturen zu arbeiten.
Von einem Fachkräftemangel in D zu sprechen ist übertrieben. Laut BA gibt es ihn offiziell nicht, bzw. nur in einigen wenigen Branchen und Regionen; zumeist ist dann von Maschinenbauingenieuren in Süddeutschland die Rede.
Dass Agenturen es heute nicht mehr so leicht haben, sehr gute Leute für überschaubare Summen einzustellen, ist nicht auf einen Mangel sondern auf die Reduzierung des Fachkräfteüberangebots zurückzuführen. Daher müssen langsam auch wieder angemessene Löhne gezahlt werden.
Zu den Nachteilen der unterdurchschnittlichen Bezahlung und den vielen Überstunden möchte ich noch einen weiteren nicht unerheblichen Nachteil hinzufügen. Gerade Softwareentwickler merken sehr schnell, dass die tägliche Arbeit in Agenturen halt nicht besonders anspruchsvoll ist. Ständig irgendwelche Anmeldeprozesse und Werbedialoge für die Comdirect oder DB zu entwickeln ist nicht jur langweilig sonder auch stupide. Auch der x-te Internetshop bringt nicht wirklich Abwechslung. die Agenturbranche bietet für die mesiten Techniker einfach zu keine Herausforderungen. Die einzigen Herausforderungen sind die schmalen Projektbudgets und die engen Terminpläne. Und das nervt einfach nur, besonders wenn das Gehalt dann auch nicht stimmt.
raksch, das mag in vielen Agenturen so sein, ist aber bei uns definitiv anders. Hier ist die Technik der kopfstärkste Bereich und stemmt echte Herausforderungen. Nicht immer und in jedem Projekt, aber im Großen und Ganzen auf jeden Fall. Und die Budgets sind auch nicht gerade klein.
@hannes - 100% richtig. Punkt.