Die Antwort ist einfach: Weil es sie arbeitslos macht. Die Journalisten sind die schlesischen Weber des Webs.
Diese These kann ich auch ausführlicher formulieren.
- Seit Gutenberg (und vor Gutenberg erst recht) waren Medien den Gesetzen physischer Knappheit unterworfen. Es gab niemals unbegrenzt viele Druckerpressen, Frequenzen oder Sendeplätze. Deshalb konnte nicht jedermann publizieren - vor der Publikation fand eine Auswahl statt. Redakteure wählten aus, was ins Blatt kommt. Frequenzen wurden für bestimmte Zwecke an bestimmte Nutzer vergeben. Im Kampf um Sendeplätze setzten sich aufmerksamkeitsstarke Programme gegen schwächere durch.
- Der Auswahlprozess konzentrierte die öffentliche Aufmerksamkeit auf vergleichsweise wenige, dafür aber reichweitenstarke Blätter, Sender und Programme. Mangels Alternativen waren Leser sogar bereit, für bedrucktes Papier Geld zu bezahlen. Außerdem zahlte die werbungtreibende Industrie dafür, ihre Botschaften über die gleichen Medien transportieren zu lassen.
- Dieses Mediensystem brauchte verhältnismäßig wenig Texte, Töne und Bilder, um verhältnismäßig viele Medienkonsumenten zu erreichen. Journalisten schufen Wert, indem sie genau diese Texte, Töne und Bilder anfertigten. Das werden sie auch weiterhin tun, aber...
- Im Web findet die Auswahl erst nach der Publikation statt. Ökonomen würden sagen, dass die Markteintrittsbarrieren niedrig sind. Wer möchte, kann publizieren, und viele tun das auch. Dadurch wächst das Angebot der publizierten Texte, Töne und Bilder sehr viel schneller als die Nachfrage.
- Dies hat zwei für die Einkommen von Journalisten fatale Folgen: Die Aufmerksamkeit der Medienkonsumenten verteilt sich auf immer mehr Medienprodukte, die Reichweiten sinken, und damit schrumpfen auch die Erlöse aus Werbung und Verkauf. Geringere Erlöse führen zu Stellenstreichungen und Einkommenseinbußen. Das wachsende Angebot erhöht den Preisdruck für journalistische Arbeit zusätzlich.
- Nun ist das Angebot am Arbeitsmarkt der Medienwirtschaft traditionell höher als die Nachfrage, was den Löhnen und Preisen für journalistische Tätigkeit noch nie besonders gut getan hat. Medienhäuser können daher den Preisdruck relativ einfach an ihre Mitarbeiter und Lieferanten weitergeben: Gehälter und Honorare sinken.
Wie die schlesischen Weber durch die Industrialisierung verlieren die Journalisten durch das Web ihr Einkommen. Zwar nicht alle, nicht alles und auch nicht sofort, aber der Trend ist klar. Und deshalb ist auch klar, warum Journalisten das Web nicht mögen.
Gute Analyse, der ich zustimme und noch hinzufüge: Das, was im Web passiert, ist deshalb auch trotzdem Journalismus. Das macht es klassischen Journalisten ja auch so doppelt schwer, oder?
Schon lange waren - von den wenigen Ausnahmen der recherchierenden, enthüllenden Journalisten abgesehen - die allermeisten Journalisten eigentlich eher Kuroatoren als Autoren. Haben also wie jeder Kurator aus der Vielzahl des Angebots für das Publikum eine Vorauswahl getroffen.
Und genau diese Kuratorenrolle verschwindet zunehmend bzw. wird auf neue Schultern verteilt. Für Kommunikatoren ist das toll, denn auf einmal können auch beispielsweise Marken und Unternehmen die Kuratorenrolle übernehmen in manchen Nischen. Und in anderen sind es bereits private Experten.
Die Analogie zu den Webern ist brillant, auch wenn ich (Freudscher Verleser) erst "Werber" gelesen habe. Würde auch passen. :)
Ich mag das so nicht glauben. Im ökonomischen Gefüge des Journalismus wird sich (wie in der Musikindustrie) sehr vieles ganz grundsätzlich ändern, weil die Distribution von digitalen Inhalten etwas ganz anderes ist, als die von Dingen. Das wird natürlich immer massivere Auswirkungen auf Gehälter und Honorare haben.
Aber ein Unterschied zu den Webern ist doch: Die Industrialisierung hat die Weber überflüssig gemacht, weil die Maschinen fortan gewoben haben.
Aber ein Blog oder Onlinejournal recherchiert und schreibt sich doch nicht selbst.
...ich zuerst "Weiber" gelesen. Will aber von Freud nix hören!
Ich kann mich noch erinnern, als die Drumcomputer aufkamen. Da hieß es, das sei das Ende des Schlagzeugers. Und was ist eingetreten: Schlagzeuger werden gesucht, mit Gitarristen könnte man hingegen Straßen pflastern.
Wenn man sich Seiten wie spiegel.de anschaut, dann sieht man wie der Übergang vom Printmedium zum Onlinemedium elegant gemeistert werden kann und wird. Und die einnahmen sind die selben wie vorher, Werbung und Content (Premiumcontent). Sicherlich hat sich einiges geändert aber vom Verlust des Einkommens der Mehrzahl aller Journalisten zu sprechen halte ich doch für mehr als nur gewagt.
Ich glaube nicht, dass das Web Journalisten arbeitslos macht.
Im konkreten: Wir betreiben zB eine Bürger-Reporter-Plattform für lokale Inhalte (www.myheimat.de). Nun könnte man denken, diese kannibalisiert den traditionellen lokalen Journalismus, weil eine große Zahl an Bürgerreportern über die Dinge berichtet, die bisher den Lokaljournalisten vorbehalten war.
Was sich allerdings in der Realität zeigt ist, dass sich eine neue Form der Zusammenarbeit ergibt, die letztlich sogar neue Stellen schaffen kann. Die Lebensnahen Inhalte, das was die Leute direkt betrifft, wird von den Bürgerreporten beigetragen. Zudem geben diese Anregungen und Hinweise dafür, über welche Themen ausführlich (d.h. inklusive aufwendiger Recherche) berichtet werden sollte.
Die Lokaljournalisten haben dadurch Zeit gewonnen, sich mit den aufwendigeren und anspruchsvolleren Themen vor Ort zu befassen.
Durch diese Art der Zusammenarbeit - und wir betreiben dies erfolgreich bereits in Bayern, Niedersachsen und Hessen - entstehen in online und Print neue Medienformate.
Deswegen lautet mein Fazit: Diejenigen, die stehenbleiben und sich nicht auf die neuen Möglichkeiten und Rahmenbedingungen im Web einlassen, verlieren.
Begreifen Journalisten, wie sie das Web für Ihre Arbeit nutzen können, werden Sie weder arbeitslos, noch werden sie das Web nicht mögen - sie werden es lieben...
"Begreifen Journalisten, wie sie das Web für Ihre Arbeit nutzen können, werden Sie weder arbeitslos, noch werden sie das Web nicht mögen - sie werden es lieben..."
genau, aber viele begreifen es eben nicht.
und die haben dann ein problem.
Bis zum Punkt 4 ist die Analyse sehr schön, ab dem entscheidenden Punkt 5 mag ich ihr nicht mehr folgen. Der Grund: Das setzt voraus, dass eine Mehrheit oder zumindest eine große Zahl von Nutzern bereit wäre, nicht nur zu produzieren, sondern auch auszuwählen und zusammenzufassen. Nicht jeder will das selbst machen. Das Web 2.0 hat zwar die Möglichkeiten vergrößert, aber doch nicht die Nutzer verändert. Es gilt noch immer die 90-9-1-Regel, nach der 90 Prozent der Nutzer passiv bleiben, 9 Prozent auf das reagieren, was andere tun und nur 1 Prozent aktiv wird. Bei der Wikipedia ist die Quote wohl noch deutlich schlechter (Quelle nicht zur Hand).
Jedenfalls braucht man gerade durch die ungeheure Vielfalt an Informationen Leute, die die daraus für eine bestimmte Zielgruppe relevanten Informationen herausfischen. Journalisten werden eher wichtiger als unwichtiger. Dass viele das Internet nicht mögen, liegt daran, dass es den Journalismus verändert. Und das ist unbequem.
Dass es heute so viele Angebote gibt und sich alles aufsplittert, ist ein normaler Vorgang in einer Marktwirtschaft. Wir haben das in anderen Bereichen schon gesehen und nach einigen Jahren und Jahrzehnten bleiben ein paar große Anbieter zurück. Im Web wird es daneben sicher auch Angebote von Privatleuten und auf Basis des Open-Source-Gedankens geben, aber trotzdem wird man genügend Geld verdienen können. Im Bereich der aktuellen News ist es ja schon heute zu sehen: Man könnte sich an hunderten Stellen informieren, aber dennoch ist Spiegel Online deutlich Marktführer. Danach kommen noch ein paar große Portale und dann lange nichts mehr. Solche Tendenzen werden wir in den nächsten Jahren überall sehr deutlich sehen.
Kleine Anmerkung: Der Wettbewerb um Aufmerksamkeit ist für Journalisten nicht neu. Ich habe vielmehr das Gefühl, traditionelle Journalisten haben Probleme damit ihren Wettbewerb neuerdings identifizieren zu können. Gute, das heisst fachlich und handwerklich gute Journalisten haben gerade in einer überflutenden Menge von Angebot die Chance ihre selektiven und komprimierenden Fähigkeiten auszuspielen.
Ich stimme da bspw. Jeff Jarvis vollumfänglich zu, dass sich die Spezialiserung von Journalismus noch erhöhen wird. Da sind dann auch signifikante Umsätze zu finden, nicht nur für Verleger, wie das US-Beispiel zeigt, sondern gerade für gute Journalisten.
Die schlesischen Weber hatten das Problem, dass ihr Handwerk Maschinen übernehmen können, diese Horrorvision für Journalisten teile ich nicht.
Was ist Friendfeed anderes als eine Maschine? Und doch übernimmt sie heute schon einen Teil des journalistischen Handwerks - die Selektionsfunktion. Siehe auch Google News, Techmeme, Digg & Co.
Das journalistische Produktionsmonopol ist aufgebrochen, heute kann jeder publizieren. Das Selektionsmonopol bricht jetzt ebenfalls auf, Maschinen und kollaborative Systeme sind heute schon besser als es Journalisten je waren.
Was bleibt dann noch?
Ganz zu schweigen davon, dass die Zahlungsbereitschaft für journalistische Produkte sowohl bei den Konsumenten als auch bei den Werbungtreibenden dramatisch gesunken ist.
Selbstverständlich werden die klassischen Medien überleben. Sie bewegen sich aber längst in einem schrumpfenden Markt, und dort gelten andere Gesetze als in Wachstumsmärkten.
Ich habe einigen Diskussionen von bedeutenden Verlagshäusern zum Thema Internet/Print beiwohnen dürfen. Einerseits ist es erschreckend welche Unwissenheit im Bereich Web, bei den Entscheidern der Verlage vorhanden ist. Auf der anderen Seite überrascht es mich nicht, wenn die Arroganz einiger dieser Verlagshäuser zu Tage tritt.
Ich sehe es allerdings alles sehr pragmatisch. Der Leser/User/RSS Abbonent entscheidet was er liest und wem er vertraut. In dem Bereich wo ich blogge, höre ich von den Usern immer öfter, dass man froh ist über eine unabhängige Berichterstattung, die nicht durch Werbebudgets derjenigen geknechtet wird, über die man eigentlich objektiv berichten sollte.
Ja, guten Journalismus gibt es und wird es immer geben. Im Web und wird es davon immer mehr geben. Nachdem auch die FAZ es dem SPIEGEL gleich getan hat, ziehen vielleicht diese beiden Zugpferde, einige andere nach.
Soll das witzig sein oder ist es plumpe Ahnungslosigkeit?
Zum ersten: Woher kommt die Ausgangsthese? Mit Ausnahme von Webdesignern und Systemadministratoren gibt es in meinen Augen keine Berufsgruppe, die dem "Web" mehr verbunden ist als die Journalisten.
Zum zweiten: Alle anderen Behauptungen im Artikel sind meines Erachtens schlichtweg falsch - bis auf die Tatsache dass es tatsächlich nie unendliche viele Druckerpressen gab.
Ich würde vielleicht nicht sagen, dass alle obigen Aussagen falsch sind, sie sind aber zumindest fragwürdig.
Hinter diesem Urteil steckt eine einfache Beobachtung: Der Großteil der deutschsprachigen Blogger ergeht sich in Internet-Selbstreferentialität. Da wird eifrig über friendfeed und twitter geschrieben, da werden die Online-Auftritte der Zeitungen auseinandergenommen, da wird kommentiert, aber nicht recherchiert ausserhalb des Internets. Ich kenne keinen Blogger, der jemals einen Telefonhörer in die Hand genommen hat, um Informationen für seinen Blog-Post zu sammeln und so dem Informations-Kreis des Internets zu durchbrechen. Letztlich hängen die Blogger und YouTuber und anderen potentiellen Bürgerreporter bei Nachrichten, die nichts mit dem Internet, sondern mit der Welt draussen zu tun haben, auch nur am Tropf der Gatekeeper. Und die Gatekeeper werden immer Journalisten und professionelle Publizisten sein, schließlich hat kaum ein Hobby-Blogger die Zeit, sich tagelang an eine Story dranzuängen.
Blogger werden vielleicht den ein oder anderen Scoop landen, könnten zu einer wichtigen Stimme werden und bei guter Arbeit, vielleicht so etwas wie ein Feuilleton 2.0 erschaffen, ein Ort zum diskutieren, aber für eine stete, zuverlässige Informationsbeschaffung, die die Grenzen des Internets inhaltlich wie formal verlässt, fehlen unbezahlten Bloggern einfach die Zeit, das Geld und die Ressourcen.