Aus der Sicht eines altgedienten Medienjournalisten muss das Internet irgendwie seltsam aussehen. Das jüngste Beispiel ist der heutige FAZ-Leitartikel von Michael Hanfeld, den ich zwar zum Lesen empfohlen habe, aber weitgehend für Blödsinn halte. Da droht der
Zugriff der Suchmaschinenzampanos, deren Geschäft allein darin besteht, Verbindungen zu Inhalten herzustellen, die von der Presse mit erheblichem Kostenaufwand produziert werden.
Da sind Google, Yahoo und Microsoft
global operierende Internetkonzerne, denen die Politik keine international gültigen Regeln auferlegen kann oder will.
Regeln müssen sein, das ist für einen Medienjournalisten sonnenklar und seine wichtigste Sorge. Google-Traffic hingegen, nach dem sich so mancher im Web an die Decke streckt, ist irgendwie böse. Eine seltsame Welt, in der Michael Hanfeld lebt. Eine redaktionsinterne Diskussion mit dem FAZ-Netzökonomen Holger Schmidt stelle ich mir interessant vor.
Hanfelds Hauptthema, -sorge und -gegner sind die Öffentlich-Rechtlichen und deren Aktivitäten im Internet, die anders als das segensreiche Wirken der Verlage mit Gebührengeldern (und nicht mit Werbung) befeuert werden. Seine Sorge ist, dass ARD und ZDF den Verlagen im Web das Wasser abgraben.
Schon seltsam angesichts der gewaltigen Summen auf den Konten von Google, Microsoft oder auch der Telekom, gegen die sich acht Milliarden Euro Gebührengeld eher bescheiden ausnehmen. Insbesondere, weil davon vor allem Fernsehen und Radio gemacht werden und nur ein Bruchteil ins Internet fließt.
Noch seltsamer aber, wenn wir die real existierenden Bemühungen der Verlage im Web in Betracht ziehen. Stefan Niggemeier, auch ein Medienjournalist übrigens, hat gerade wieder wortreich dargelegt, wie sich die Mehrzahl der Verlage gerade im Web von journalistischen Standards verabschieden.
Und was hat die Internetstrategie von Burda oder Holtzbrinck mit Journalismus zu tun? Da geht es doch eher darum, möglichst viele Beteiligungen zusammenzukaufen, die möglichst wenig mit Journalismus zu tun haben. Dann klar ist eines: Es gibt bis jetzt kein Geschäftsmodell für klassischen Journalismus im Web. Wird es jemals eines geben?
Oder muss sich nicht vielmehr der Journalismus den Bedingungen des inzwischen gar nicht mehr so neuen Mediums anpassen? Und ist er nicht dort, wo er das in den letzten zehn Jahren getan hat, auch erfolgreich geworden? Dass die meisten deutschen Verlage im Web versagt haben, ist nicht die Schuld der Öffentlich-Rechtlichen.
Schon seit einiger Zeit hat man bei den grossen Verlagshäusern wohl den Glaubenskrieg ausgerufen wenn es darum geht, die Pläne der öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten in Bezug auf die "neuen Medien", namentlich also das Internet, zu kommentieren. Ich glaube gar nicht, dass die veröffentlichte Meinung die eines einzigen Journalisten ist. Vielmehr scheint es so zu sein, dass man bei FAZ & Co. den Tagesbefehl ausgegeben hat, einen offenen Krieg zu beginnen. Anders kann ich mir jedenfalls die allzu häufig vorkommende Veröffentlichung von vollkommen argumentationsfreien Artikeln nicht erklären. Natürlich wollen die privaten Medien und erst Recht die privaten Premium-Printmedien den Kuchen verteidigen, den sie bis vor einiger Zeit vollkommen alleine beackert haben. Die Zeiten haben sich geändert und ich erlaube mir die Frage, ob FAZ & Co. glauben, mit solchen Artikeln (soll man derlei Berichterstattung eigentlich noch so nennen?), Leser zu halten oder neu zu gewinnen? Niemand will die deutsche Verlagslandschaft schleifen. Gerade Menschen, die wie ich grossen Wert auf gut recherchierte und aktuell dargebrachte Informationen legen, gerade solche Menschen beunruhigt eher, wenn man von grossen Zeitungen immer wieder neue Hiobsbotschaften zu lesen und zu hören bekommt. Allerdings kann man doch überkommene Geschäftsmodelle nicht dadurch zukunftsfähiger machen, dass man (gar nicht mehr so) neue Möglichkeiten und neue Player am Arkt quasi wegsperrt oder verbietet. Welches Licht wirft das auf die Redaktionen und Verlagshäuser, die ansonsten nicht selten in vorderster Linie die Selbstregulierung der Märkte lautstark fordern? Ähnlichkeiten zu den Krisen an den Finanzmärkten sind sicher kein Zufall.
Abschliessend möchte ich festhalten, dass ich mir starke und gut verdienende seriöse Verlagshäuser wünsche, die (Meinungs)Vielfalt auf dem deutschen Zeitungsmarkt ermöglichen und täglich neu leben. Ich wünsche mir aber auch, dass die Verlage sich endlich entschlossen in Richtung Zukunft aufmachen und nicht unnötig Energie in ätzende Glaubenskriege investieren, die inhaltlich vollkommen obsolet und relevanzlos sind.