Google Wave und die Ökonomie der Aufmerksamkeit

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Gestern bekam ich eine Einladung zu Google Wave (danke, Malte!). Ich will nicht verschweigen, dass mir beim ersten Blick auf die Testimplementierung das revolutionäre Potential noch verschlossen blieb. Aber das ist ja immer so und kein Grund, wie der Spiegel in technik- und kulturfeindliche Reflexe zu verfallen.

Oder noch schlimmer, wie WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach sinnarmes Geschwurbel zu Protokoll zu geben, nur weil sich das Geschäftsmodell eines Zeitungsverlages nicht 1:1 ins Internet übertragen lässt. Diese Tatsache war spätestens seit der zweiten Hälfte der 90er Jahre praktisch allgemein bekannt. Und ist gar nicht ungewöhnlich für ein neues Medium, werden doch auch in Radio und Fernsehen nicht etwa Zeitungsartikel vorgelesen, gegen Geld, dass der Zuschauer oder Hörer pro Beitrag zu entrichten hätte.

Das Schlimme Neuartige am Internet ist aber, dass es alte Medien stückchenweise inhaliert und transfomiert. Musik, Zeitungen, Bücher, Filme, TV-Serien und was sonst noch so in alten Medien transportiert werden kann finden sich allesamt im Netz wieder und absorbieren die knappe Aufmerksamkeit des Konsumenten. Dass die knapp ist und immer knapper wird, ist übrigens auch keine Neuigkeit.

Gewöhnlich lassen sich Geschäftsmodelle in einer Marktwirtschaft ganz gut auf Knappheiten aufbauen. Was knapp ist und nicht etwa im Überfluss vorhanden, dafür sind Kunden meist zu zahlen bereit. Nachrichten sind im Internet nicht gerade knapp, weshalb es schwierig ist, die Konsumenten zum Zahlen zu überreden, ohne zuvor ein Nachrichtenoligopol zu errichten. Was auch kaum möglich wäre.

Einladungen zu Google Wave hingegen sind knapp, weil der Dienst noch in einem sehr frühen Stadium ist. Selbst die noch überschaubare Nutzerzahl bringt die Server offensichtlich schon an ihre Leistungsgrenzen. An Aufmerksamkeit mangelt es Google Wave hingegen nicht, und das hat auch mit der Knappheit der Einladungen zu tun. Den Dienst umweht noch eine Aura des Geheimnisvollen.

Dem unbedarften Erstnutzer erschließt sich Google Wave zunächst ungefähr so schnell und leicht wie Twitter, nämlich praktisch gar nicht. Es braucht eine Initiation durch bereits Eingeweihte. Es scheint Potential für Kollaboration zu geben, aber so genau weiß man das noch nicht.

Muss Bodo Hombach zu den ersten 100.000 Nutzern gehören? Muss nicht, aber schaden könnte es auch nicht. Solange Verlagshäuser von Leuten geführt werden, die keinen Computer, aber dafür eine Vorzimmerdame haben, wäre es sogar ein Wettbewerbsvorteil.

PS: Ich bin m.recke@googlewave.com. Mal sehen, wann der erste Spam ankommt.

PS2: Nein, als Testnutzer der zweiten Welle habe ich (noch) keine Einladungen zu vergeben.

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Da habe ich also heute erfreulicher Weise eine Einladung zu Google-Wave bekommen, dem neuen Hype im Netz. Und nun sitze ich vor dem Monitor und starre wie das buchstäbliche Schwein auf Uhrwerk. Ehrlicherweise bin ich mir noch völlig unschlüssig, ob ma Mehr

8 Kommentare

Mir ist völlig schleierhaft, wo Sie in meinem Text "technik- und kulturfeindliche Reflexe" entdeckt haben. Vielleicht doch noch mal lesen? Und mal die eigenen Reflexe überdenken?

Danke für die Anregung. :)

Es scheint mir aber, dass ich mit meiner Einschätzung nicht ganz alleine dastehe.

Nun ja.
Bei Mrtopf steht die "Innovationsphobie" nur in der Überschrift - der Text selbst löst diesen Vorwurf dann aber überhaupt nicht ein.
Zitat: "Da hat der Artikel ja durchaus recht. Und das Filtern dieser Informationsflut wird auch eines der Zukunftsthemen überhaupt sein!"

Und Herr Weiss argumentiert gegen etwas, das ich gar nicht gesagt habe (übrigens auch gegen das obige Zitat von Mrtopf). Mir geht es um wachsende Kommunikationsanforderungen. Dass die viele Information im Netz ein Problem sei, habe ich einfach nicht behauptet (was Herr Weiss wiederum behauptet). Auf den entsprechenden Kommentar bei Netzwertig hat er aber nicht reagiert leider.

Dass ich "technik- und kulturfeindlich" sei, lasse ich mir aber eben wirklich sehr ungern vorwerfen. Siehe z.B. hier

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,641508,00.html

oder hier

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,629119,00.html

Ja, ich hatte auch gezögert, als ich diesen Satz schrieb. Trotzdem - Sie bedienen da einen Reflex. Im angelsächsischen Raum gibt es eine reflexhafte Begeisterung für Innovationen, in Deutschland eine reflexhafte Kritik. Mitte der 90er war es noch das Internet selbst, das misstrauisch beäugt wurde (und in Kreisen wie denen von Bodo Hombach ist das bis heute nicht viel anders). Ab ungefähr 2003 waren es Blogs. Seit 2007 höre ich, dass Twitter kein Mensch braucht und sich nicht durchsetzen wird. Und jetzt eben Google Wave.

Twitter hat auch mit relativ wenigen Nutzern in Deutschland schon jede Menge Einfluss. Es könnte aber durchaus sein, dass es sich hierzulande - wie schon Blogs - nicht so richtig durchsetzen kann. Vermutlich, weil wir in Deutschland diesen eingebauten Abwehrreflex haben. Und dieser Reflex richtet sich gegen technische und kulturelle Innovation.

Das mit der reflexhaften Begeisterung im angelsächsichen Raum mag theoretisch stimmen - im vorliegenden Fall ist es aber eben anders. Die durchaus nahmhaften Herren, die Google Wave in der vorliegenden Form als Aufmerksamkeitsfresser bezeichnen, sind ja nun samt und sonders Silicon-Valley-Gewächse (und es sind nicht nur Scoble und Gray).
Ich mache das mit dem Internet ja nun auch schon eine Weile, ich werfe mich immer wieder gegen die Pauschalkritiker in die Bresche - und jetzt sehe ich mich hier der reflexhaften Ablehnung einer Reaktion gegenüber die eben nicht einfach "Hurrah! Was Neues!" heißt. Dafür wird man in Deutschland (!) gern mal blitzschnell abgewatscht. ;-)

...um kurz wieder zur Applikation an sich zurück zu kommen :)

Unabhängig von "Hurra oder Buh-Rufen" hat Google es bis jetzt doch eigentlich nie geschafft was anderes als die "Suche" richtig gut umzusetzen. In allen anderen Bereichen sind und waren spezialisierte Portale immer besser (Preissuchmaschine, Video-Portale, etc.). Mir erschließt sich das revolutionäre von GoogleWave derzeit auch noch nicht. Ich bin aber fest überzeugt davon, dass wenn das Modell durchschlagend ist, wir bald von einem Portal hören werden, dass das Prinzip nicht nur viel besser, sondern auch echt benutzerfreundlich umsetzt...just my two thoghts...

Nun, es scheint so, als würde Facebook bei weiter fortschreitender Aggregation von Inhalten anderer Dienste eben genau den Konkurrenten zu Wave schaffen. Meiner Meinung nach haben sie diese Position schon inne. Als Social Network sind sie auch besser dafür geeignet, Menschen zu verbinden und Information zwischen den Teilnehmern zu verbreiten.

Google Wave ist mehr auf kommunkations-erfahrene Multitasker mit sehr hoher Computer- bzw. Internetaffinität zugeschnitten. Aller Erfahrung nach ist die Kluft für den Übergang zum Mainstream allein aufgrund dieser Tatsache enorm breit. Aber wer weiß? Vielleicht entwickelt sich ja irgendwann mal aus dieser Technologie ein Standard, der auf diversen Platformen genutzt werden kann.

@Sascha Google hat neben der Suche eine enorm erfolgreiche Werbeinfrastruktur geschaffen. Auch GMail steht funktional allein auf weiter Flur. Trotzdem: manche lieben es, manche hassen es.

Ich empfinde es sowohl auf menschlicher Ebene, als auch auf wirtschaflicher Ebene positiv, dass Google nicht immer der Branchenprimus ist. So haben auch andere Luft zum Atmen und Platz zur Entfaltung.

Vielen Dank für die Übersicht und Einschätzung.

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