Es geht um mehr als nur um Google

791px-1944_NormandyLST.jpgDie speziell in Deutschland geführte Attacke der Verlagshäuser auf Google ist mehr als nur das übliche Beißverhalten konkurrierender Konzerne. Es ist auch eine Schlacht um Meinungsmacht und Meinungsfreiheit, um das Oligopol der Verleger und meinungsführenden Redaktionen, das durch das Internet in seinen Grundfesten erschüttert ist.

Das kommerzielle Radio war das letzte Medium in Deutschland, das die Verleger, mit tatkräftiger Hilfe der Politik, weitgehend unter ihre Kontrolle bringen konnten. Deshalb ist es auch so schlecht. Es ist, bar jeden publizistischen Anspruchs, als Gelddruckmaschine für satte, träge und an zweistellige Umsatzrenditen gewöhnte Verlagshäuser ausgelegt.

Das kommerzielle Fernsehen war das erste Medium, das den Verlegern aus den Fingern glitt. Das als Verlegerfernsehen gestartete Sat1 ging erst an den Filmhändler Leo Kirch und fiel später Finanzinvestoren in die Hände. Bertelsmann konnte nur in einem herkulischen Kraftakt die RTL-Gruppe unter seine Kontrolle bringen. Fast hätte die Familie Mohn deshalb an die Börse gehen müssen.

Das Internet nahmen die Verleger in den neunziger Jahren vor allem als weitere Abspielstation für ihre ohnehin vorhandenen Inhalte wahr. Das Ziel war, das Internet wie zuvor das Radio unter verlegerische Kontrolle zu bringen. Früh schon wies die IVW, die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern, auch die Reichweiten der verlegerischen Onlinemedien aus.

Doch den damit verbundenen Anspruch, den gesamten Markt abzubilden und zu definieren, konnten sie nie vollends einlösen, denn die wirklich großen Spieler wie T-Online, früher AOL und später Google spielten das IVW-Spiel nicht mit. Die AGOF, die Arbeitsgemeinschaft Online-Forschung, krankt bis heute an den damals eingeführten, untauglichen Messgrößen wie Pageimpressions (total absurd) und Visits (nicht viel besser). Für Onlinereichweiten relevanter sind Unique Visitors und vor allem die Nutzungszeit.

Den unsäglichen Bildstreckenklickschindejournalismus im Netz haben sich die Verlage selbst eingebrockt, indem sie untaugliche Messinstrumente in den Markt gedrückt und damit den Zwang zur Pageimpressioninflation geschaffen haben. Und wie das bei Inflationen so ist: Das Überangebot an Inventar hat die Preise ins Bodenlose fallen lassen - und damit die Möglichkeiten, Onlinejournalismus aus Onlinewerbung zu finanzieren, nicht eben vergrößert.

Schwerer noch wiegt indes die Tatsache, dass das Netz kein Oligopol ist, dass es kein Verlagsmonopol auf Onlinejournalismus gibt, sondern dass im Netz, anders als in den meisten angestammten Printmärkten, echter Wettbewerb herrscht. Zweistellige Umsatzrenditen sind in diesem Umfeld nur schwer zu erzielen.

Und der Wettbewerb erstreckt sich auch auf den Markt der Meinungen. Die Redaktionen haben ihre Gatekeeperfunktion verloren. Sie bestimmen nicht mehr alleine, wer und wessen Meinung Zugang zur Öffentlichkeit erhält. Das Internet hat den Zugang zur Öffentlichkeit prinzipiell für jedermann geöffnet. Die meinungsführenden Redaktionen führen nicht mehr alleine.

Google steht in dieser Schlacht paradigmatisch für zwei Dinge: für unerwartete und unerwünschte Konkurrenz auf dem Werbemarkt und für die Öffnung des Meinungsmarktes. Google hat geschafft, was keinem Verlag gelungen ist: einen Milliardenumsatz im deutschen Werbemarkt zu erwirtschaften. Google steht für ein offenes Internet und einen freien Markt der Meinungen, wird dafür in China attackiert, in Italien verurteilt und in Deutschland dämonisiert.

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Es geht in dieser Schlacht nicht um Google, sondern um das offene Internet, das Recht auf freie Meinungsäußerung und den Zugang für Jedermann. Es ist die letzte Schlacht der Verleger, und sie versuchen alles, um die Politik auf ihre Seite zu ziehen, wie seinerzeit beim Radio erfolgreich durchexerziert. Vielleicht ist es Zeit, sich an John Perry Barlow zu erinnern, der 1996 den digitalen Raum für unabhängig erklärte.

A Declaration of the Independence of Cyberspace

by John Perry Barlow

Governments of the Industrial World, you weary giants of flesh and steel, I come from Cyberspace, the new home of Mind. On behalf of the future, I ask you of the past to leave us alone. You are not welcome among us. You have no sovereignty where we gather.

We have no elected government, nor are we likely to have one, so I address you with no greater authority than that with which liberty itself always speaks. I declare the global social space we are building to be naturally independent of the tyrannies you seek to impose on us. You have no moral right to rule us nor do you possess any methods of enforcement we have true reason to fear.

Governments derive their just powers from the consent of the governed. You have neither solicited nor received ours. We did not invite you. You do not know us, nor do you know our world. Cyberspace does not lie within your borders. Do not think that you can build it, as though it were a public construction project. You cannot. It is an act of nature and it grows itself through our collective actions.

You have not engaged in our great and gathering conversation, nor did you create the wealth of our marketplaces. You do not know our culture, our ethics, or the unwritten codes that already provide our society more order than could be obtained by any of your impositions.

You claim there are problems among us that you need to solve. You use this claim as an excuse to invade our precincts. Many of these problems don't exist. Where there are real conflicts, where there are wrongs, we will identify them and address them by our means. We are forming our own Social Contract . This governance will arise according to the conditions of our world, not yours. Our world is different.

Cyberspace consists of transactions, relationships, and thought itself, arrayed like a standing wave in the web of our communications. Ours is a world that is both everywhere and nowhere, but it is not where bodies live.

We are creating a world that all may enter without privilege or prejudice accorded by race, economic power, military force, or station of birth.

We are creating a world where anyone, anywhere may express his or her beliefs, no matter how singular, without fear of being coerced into silence or conformity.

Your legal concepts of property, expression, identity, movement, and context do not apply to us. They are all based on matter, and there is no matter here.

Our identities have no bodies, so, unlike you, we cannot obtain order by physical coercion. We believe that from ethics, enlightened self-interest, and the commonweal, our governance will emerge . Our identities may be distributed across many of your jurisdictions. The only law that all our constituent cultures would generally recognize is the Golden Rule. We hope we will be able to build our particular solutions on that basis. But we cannot accept the solutions you are attempting to impose.

In the United States, you have today created a law, the Telecommunications Reform Act, which repudiates your own Constitution and insults the dreams of Jefferson, Washington, Mill, Madison, DeToqueville, and Brandeis. These dreams must now be born anew in us.

You are terrified of your own children, since they are natives in a world where you will always be immigrants. Because you fear them, you entrust your bureaucracies with the parental responsibilities you are too cowardly to confront yourselves. In our world, all the sentiments and expressions of humanity, from the debasing to the angelic, are parts of a seamless whole, the global conversation of bits. We cannot separate the air that chokes from the air upon which wings beat.

In China, Germany, France, Russia, Singapore, Italy and the United States, you are trying to ward off the virus of liberty by erecting guard posts at the frontiers of Cyberspace. These may keep out the contagion for a small time, but they will not work in a world that will soon be blanketed in bit-bearing media.

Your increasingly obsolete information industries would perpetuate themselves by proposing laws, in America and elsewhere, that claim to own speech itself throughout the world. These laws would declare ideas to be another industrial product, no more noble than pig iron. In our world, whatever the human mind may create can be reproduced and distributed infinitely at no cost. The global conveyance of thought no longer requires your factories to accomplish.

These increasingly hostile and colonial measures place us in the same position as those previous lovers of freedom and self-determination who had to reject the authorities of distant, uninformed powers. We must declare our virtual selves immune to your sovereignty, even as we continue to consent to your rule over our bodies. We will spread ourselves across the Planet so that no one can arrest our thoughts.

We will create a civilization of the Mind in Cyberspace. May it be more humane and fair than the world your governments have made before.

Davos, Switzerland

February 8, 1996

Had tip to This Week in Google for the Barlow reference

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6 Kommentare

Danke für die gute(n) Morgen-Lektüre!

Es ist ja nicht nur so, dass die Freiheit an sich auf dem Spiel steht. In dieser Freiheit steckt ja auch eine (oder die einzige) Chance auf zukünftigen Wohlstand. Wer gegen das Netz redet oder handelt, der sägt an seinem eigenen Ast.

Sehr schöner Text!

Kann die Freiheit des Internet aber nicht auch den zukünftigen (materiellen) Wohlstand gefährden?

Sicher, dass die Verlage jetzt wie die aufgescheuchten Hühner nach jedem Klick gieren (müssen), ist ihre eigene Schuld und das Produkt einer Verlagspolitik, die mit der Offenheit des Internet völlig überfordert ist.

Wenn die Verlage jetzt diesen oberflächlichen "Zwang der Pageimpression-Inflation" unterworfen sind, gilt es da nicht, sich wieder aufs Wesentliche zu konzentrieren und die Gatekeeper-Rolle neu zu beleben. Sehr schön setzt sich Ben Hammersley, Wired-Chef UK, in einem Interview mit dctp.tv dafür ein (http://www.dctp.tv/#/dld-2010/ben-hammersley-wired-uk).
Tendenz des 18-minütigen Video-Interviews: Lieber eine halbe Millionen Besucher, die sich interessieren und zahlen, als 34 Millionen Rastlose, die nur vorbeigooglen.

Trotz des Totsagung von PIs, Visits und Gesamtnutzerzahlen, werden genau diese Kriterien medial und in widersprüchlicher Weise zur Erfolgsevaluierung von Web-Angeboten verwendet. Nach dem Leitspruch "L'Etat c'est moi" kühren viele ihren persönlichen Gewinner und legen den Maßstab an, der gerade passt. So scheint ein "geeichtes" Kriterium fast wünschenswert, doch darf oder muss es IVW sein?


Nicht nur, dass T-Online, Google und AOL sich damals nicht listen ließen, für zahlreiche Anbieter ist es mehr eine wirtschaftliche, denn eine Glaubensfrage. Wer wie Jappy.de autark und außerhalb des Einflusses von VCs mit seinem Produkt bleiben möchte, denkt mehrmals darüber nach, ob er sich bis zu sechsstellige Beträge zur Aufnahme bei der IVW leisten möchte.

Ich stimme zu, dass dieser Artikel sehr interessant zu lesen ist und auf eine wichtige Problematik hinweist, allerdings sehe ich die "Meinungsfreiheit" im Netz nicht so optimistisch.

Es mag sein, dass wir im Internet die Freiheit haben, unsere Meinungen frei kundzutun, ohne uns auf Redaktionen verlassen zu müssen oder strikteren (wenn auch immer strikter werdenden) Gesetzesvorlagen zu folgen.

Dennoch glaube ich, dass das Internet kein so freier Raum ist, wie John Perry Barlow ihn darstellt - oder zumindest: nicht mehr. Das, was geschehen ist, ist folgendes: Das Netz wird nicht von einer Institution kontrolliert, sondern von der Masse. Wir haben keine Redaktionen, die uns lediglich mit ihrem Standpunkt der Dinge konfrontieren, aber wir haben zahlreiche Plattformen, die uns unsere Meinung vorschreiben wollen, indem sie uns vorgaukeln, dass alle so dächten.


PS: Damit keine Missverständnise aufkommen: Ich glaube nicht, dass sich dieser Missstand durch das Eingreifen des Staates oder der Verlagsbranche beheben lassen wird, ebenso wenig, wie ich dafür wäre, sollte es so sein. Ich wollte nur anmerken, dass auch im meinungsfreien Netz nicht alles so optimal läuft.

Die Fotos haha... Oldskoolwerberknowhow im Haus. Vielen Dank für: die Hintergrundinfo, den Mut zur Meinung und damit Beitrag zur Verbesserung der Streitkultur in D-land, die IMO noch viel zu brav ist.

Letzten Endes ist das ganze mal wieder nichts anderes als der typische Generationenkonflikt. Das Alte, was möglichst lange erhalten werden soll, wird von etwas Neuem abgelöst. In 4 Jahren lächelt man über das Thema. Passiert immer und überall seit Anbeginn der Menschheit.

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