Google, Motorola und der unaufhaltsame Aufstieg der geschlossenen Systeme

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Hardware ist plötzlich wieder sexy. Steve Jobs wusste immer, dass erfolgreiche Produkte die Kontrolle über den gesamten Stapel aus Hardware, Software, User Experience, Ökosystem und geistigem Eigentum brauchen. Google hat diese Lektion auf die harte Tour lernen müssen, der Erwerb von Motorola spricht Bände.

Android ist an mehreren Fronten an seine Grenzen gestoßen: Die große Gerätevielfalt, zwar Wachstumstreiber, bringt inkonsistente Nutzererlebnisse und langwierige Aktualisierungszyklen mit sich. Die Offenheit erlaubt den Mobilfunkbetreibern, die Geräte mit eigener Müllsoftware zu verstopfen. Und Patentstreitigkeiten bedrohen das gesamte Projekt.

In dieser Lage ist der Schritt hin zu einem integrierten Modell nach dem großen Vorbild Apple, immerhin an der Börse die teuerste Firma der Welt, ein Befreiungsschlag. Der Kauf von Motorola, gegen den die bisher größten Akquisitionen wie Doubleclick und Youtube eher übersichtlich erscheinen, ist auch eine Wette darauf, dass Google das bessere iPhone bauen kann. In der Hoffnung, dass sie es dann auch in den Markt bekommen.

Damit sind drei der vier apokalyptischen Reiter des Internets jetzt auch im Bereich Hardware engagiert. Google ist der dritte im Bunde, nach Apple und Amazon, das mit dem Kindle bereits ein Hardware-Standbein hat und Spekulationen zufolge mit einem Tablet für unschlagbare 249 Dollar bald ein weiteres haben könnte.

Momentan scheint nur der vierte Reiter Facebook von Hardware noch weit entfernt zu sein. Doch auch das könnte sich schnell ändern, ist doch Facebook mit Microsoft liiert, und Microsoft wiederum gehört nicht nur Skype, sondern womöglich bald auch Nokia. Jedenfalls dann, wenn Steve Ballmer und seine Mannen an das integrierte Modell glauben, das sie mit der Xbox schon einmal realisiert haben.

Das Szenario könnte so aussehen: Microsoft kauft nach Skype auch Nokia und baut aus den drei Komponenten Hardware, Betriebssystem und Skype ein integriertes Windows Phone, möglicherweise unter einer neuen Marke. Hier käme dann Facebook als Messenger und Social Graph ins Spiel. Ein Facebook Phone mit eingebautem Skype auf Hardware von Nokia und Betriebssystem von Microsoft?

Im Smartphonemarkt bleiben noch RIM/Blackberry, HP/webOS und Samsung/Bada übrig - alle drei kontrollieren Hardware wie Software und auch den übrigen Stapel. Kaum zu glauben, aber nach dem Kauf von Motorola ist Microsoft Windows Phone die offenste mobile Plattform - solange Nokia noch nicht eingemeindet ist.

Im säkularen Krieg zwischen offenen und geschlossenen Systemen schwingt das Pendel jedenfalls derzeit stark in Richtung totale Kontrolle. Und der Kampf um die führende mobile Plattform, der bis jetzt zwischen iOS und Android tobte, geht in eine neue Runde.

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3 Kommentare

Sollte der Ansatz stimmen, den Du hier beschrieben hast, dann hat Google seine (alten) Partner (Samsung, HTC, …) ausgebootet. Was die Sache nicht unbedingt in einem guten Licht erscheinen lässt.

Der aus meiner Sicht einzige gewichtige Vorteil eines Gootorola iPhone-Clones mit kopierter stringenter App-Economy ist die deutlich bessere Einbindung der Google-Dienste. Und wahrscheinlich Preisvorteile.

Inhaltlich finde ich Horace Dediu's Einschätzung auf Harvard Business Review sehr spannend (Google's Strategic Mistakes Drove Motorola Buy), der eher eine negative Meinung des Deals hat. Deutlicher kommt es im Podcast (55 Min.) rüber: Acquisitions

Da Google bis jetzt immer alleine entscheiden konnte, wie sie Ihre Produkte positionieren, wird es interessant sein, wie eine Zusammenarbeit mit Motorola und den Mobilfunkprovidern funktionieren wird. Google war nicht wirklich von Partnern abhängig. Wenn die so hoch gelobte Offenheit von Androide dadurch komplett verschwindet oder bedeutungslos wird, könnte ein direkte Vergleich mit Apple schmerzlich werden. Spannend ist es allemal.

Ja, Google ist dabei, Samsung, HTC und Co. auszubooten, allerdings nicht aktiv. Sie werden Android offenhalten, aber die Partner bleiben nur solange an Bord, bis sie bessere Alternativen haben.

Google geht es bei dem Kauf von Motorola wohl weniger um die Hardwaresparte als vielmehr um den Patentpool, um Android gegen die diversen Klagen absichern zu können. Ganz sicher ist Apple auch nicht das "große Vorbild", da beide Firmen ein komplett anderes Business Modell haben und mit ihren Plattformen ganz andere Ziele verfolgen.
Warum Android als offene Plattform an seine Grenzen gestoßen sein soll, ist mir auch ein Rätsel, immerhin hat es das größte Wachstum und den größten Marktanteil von allen Systemen.
Durch den Patentpool von Motorola sollten die Patentstreitigkeiten auch bald gegessen sein.
Würde mich doch sehr wundern wenn Google sich jetzt von seiner Strategie der Offenheit abwenden würde - warum auch - wo sie doch so erfolgreich damit sind?

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